Höhlenwohnungen am Harz

In meiner Kindheit ging es auf Ferienfahrten mit den Eltern zwar häufig in den Harz, aber damals war er noch in „Westen“ und „Osten“ geteilt, und so hatte ich von den Höhlenwohnungen von Langenstein, im nördlichen Harzvorland zwischen Blankenburg und Halberstadt, noch nie etwas gehört.
Es war mal wieder die heiter aber tödliche Harzkrimi-Serie „Alles Klara“, durch die ich von der mir bis dahin nur aus Südeuropa bekannte Wohnungsform erfuhr.
Wer Lust hat, die Episode anzusehen; ich habe sie auf Dailymotion gefunden:

Natürlich wollte ich die Wohnungen sehen, und so fuhren wir auf dem Nachhauseweg von Quedlinburg im Anschluss an den > Besuch an der Teufelsmauer auch dort vorbei. Es gibt im Gebiet von Langenstein mehrere Stellen mit solchen ins Gestein getriebenen Wohnungen. Entstanden sind sie ab dem 18. Jh., zum Teil wurden sie bis zu Beginn des 20. Jhs. als Wohnungen benutzt.

Am Schäferberg von Langenstein kann man einige besichtigen, die liebevoll wieder hergerichtet worden sind. Sie werden von einem Verein betreut, die kleine Führung, die wir zufällig miterlebten, war sehr nett und interessant. Diese Wohnungen sollen zu den jüngeren von Langenstein gehören und darum kennt die Ortsgeschichte auch noch Namen, Berufsstände und die Anzahl der Familienmitglieder.

Die Wohnungen umfassten meist ca. 30 m² und wurden sämtlich in Eigenleistung der späteren Bewohner erarbeitet, die dafür zwischen zwei und fünf Monaten brauchten. Es waren zwar eher arme Leute, aber der Wohnkomfort war letztendlich nicht schlechter als in normalen Häusern ähnlich Situierter, wahrscheinlich sogar den Witterungseinflüssen weniger ausgesetzt.

Einige der Wohungen wurden wieder mit Einrichtungsgegenständen ausgestattet, damit man sich die Enge der Räumlichkeiten besser vorstellen kann, in denen ganze Familien gelebt haben. Dass jemand ein Bett für sich ganz allein hatte, war früher auch unter anderen Umständen nicht üblich, geschweige denn einen abgetrennten Raum: bis auf die Aussentür gab es nur türenlose Durchgänge und Öffnungen in jeder Wand, für Licht und Luftzirkulation – schliesslich wurde mit einem Holzofen gekocht und die Wohnung beheizt.

Die Schornsteine führten direkt nach oben, draussen. Durch Schafs- und Ziegenhaltung auf den Flächen darüber wurde verhindert, dass Gehölze mit ihren Wurzeln zerstörerisch in die Höhlendecken eindringen konnten. Manche der Höhlen dienten auch als Stallungen für die gehaltenen Nutztiere – auf dem nächsten Bild wurde dies mit Ziegendoubeln nachgestellt:

Die sogenannte „Schmidthöhle“, die Wohnung der Eheleute Ludwig und Karoline Schmidt hat, anders als die vorher gezeigten Höhlenwohnungen in der Nähe, zumindest vorn ein gedecktes Dach. Aussen wurde eine Tafel mit Geburts- und Sterbedaten der Bewohner angebracht. Ludwig Schmidt wurde als Drehorgel-Spieler bzw. Leierkastenmann dokumentiert.

Drehorgelspieler wurde man im 19. Jh. meines Wissens nicht aus freier Entscheidung, sondern durch Erlangen einer Lizenz, die Kriegsinvaliden als eine Art Unterstützung erteilt wurde. Von einer solchen Annahme gehe ich aus und stelle mir so vor, in welch bescheidenen Verhältnissen die beiden Eheleute dennoch ein hohes Alter erreichten: Karoline wurde 84, Ludwig 81 Jahre alt.

Das Mobiliar der heutigen Ausstattung des Schmidtschen Wohnzimmers ist wahrscheinlich üppiger, als man es tatsächlich besessen hat, und die Elektroleitungen muss man sich ebenfalls wegdenken: bis zum Schluss gab es in den Langensteiner Höhlenwohnungen weder Elektritzität noch Gas.

Wer noch Weiteres darüber lesen möchte, findet es z.B im > Wikipedia-Artikel

Mein „kleiner“ Bericht von einem Wochenende im Harz endet an dieser Stelle. Vielen Dank für die lesende Begleitung bis hierher. Kann aber sein, dass ich diesen Blog bald für die nächste kleine Reise weiterverwende. 😉

19 Gedanken zu “Höhlenwohnungen am Harz

  1. Nahezu putzig schaut das jetzt aus, aber wie es wohl wirklich war dort mit einer Familie zu leben, muss man imaginieren. Trotzdem gefallen sie mir.
    Danke für deine Berichte, die zwar nicht alle gelesen habe, aber die, ich las haben mir immer Freude gemacht.
    Liebe Grüße
    Ulli

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  2. Ich hatte noch nie von den Wohnungen gehört, Heide. Beim nächsten Besuch im Hart stehen sie ganz oben auf meiner Liste. Im Januar geht es aber erstmal nach Rügen. Mein Partner war noch nie auf Rügen! Kannst du dir das vorstellen?
    Liebe Grüße und einen schönen Restsonntag von Susanne

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    1. Auch ich noch nicht. Es gibt noch viel zu tun. Aber es geht als nächstes wieder in die entgegengesetzte Richtung.
      Da überlege ich, das Blögchen vielleicht in die Verlängerung gehen zu lassen. Mal sehen, wie ich das handhabe. Vielleicht finden sich ja noch mal mehr als ein Dutzend Leser.

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        1. Na, schau`mer mal. Es wird laut Statistik mehr gelesen als seitens der WordPress-User mit Likes und Kommentaren kundgetan wird, insofern fühle ich mich dann doch nicht unsichtbar damit, aber der Unterschied des Interesses meiner üblichen Leser vom Hauptblog zu diesem Ableger ist trotz der Hinweise zu jedem Beitrag schon überdeutlich. Der Blog muss sicher länger laufen, um sich weiter zu entwickeln und das lässt sich nur herausfinden, wenn ich ihn weiterführe.
          Danke an dich und alle, die bis hierher mitgelesen haben 🙂

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    1. Wie ich vorgestern im Web beim Verfassen meines Artikels fand, hat jemand diesen Vergleich mit den Hobbits auch gezogen – der war gleichzeitig mit uns da, wie ich an den Fotos erkannte. Lustige Sache, weil es wirklich keine grosse Besucherzahl war.

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  3. Diese Höhlen sehen wirklich muckelig aus. Gemütlich. Wie kuschelig es da drinnen wirklich war, weiß ich nicht, aber es hat was heimeliges. Und was stabileres gab es sicher nicht. Besonders das erste Bild ist toll mit diesen kleinen Gartenzäunen. Man meint, man wäre in einer Zwergensiedlung Auch die rauhen Wände finde ich faszinierend. Interessant jedenfalls, daß es so etwas auch bei uns gibt. Wie du es erwähnt hast, kennt man es sonst nur aus Südeuropa oder anderen Gefilden. – Die Idee mit dem Ablegerblog ist eigentlich gut. Ich bin nur durch die Verlinkung manchmal ins Stolpern gekommen.. Ich hatte die Daten nicht immer auf dem Schirm und da die Flächen immer blau waren, mußte ich manchmal zweimal gucken. Hier auf dem Blog war die Übersicht für mich dann klarer. Ein schöner Reisebericht wieder und viele tolle Anregungen 🙂

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      1. Jaja, ich weiß, aber wenn man abends vor dem Rechner sitzt und Daten liest, gestaltet sich das manchmal etwas schwierig 😉 Ich dachte dann, daß ich dort schon gewesen war und wars dann doch nicht oder umgekehrt, zumal ich nicht täglich auf deinem Blog war. Ich orientiere mich besser an Bildern 😉

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