Durch die Jüdengasse

Am Samstagnachmittag, dem 24. August 2019, nach der Siesta, machten wir uns auf zu einem zweiten Quedlinburg-Stadtbummel und kehrten zu einer bestimmten Stelle der ‚Pölle‘ genannten Strasse zurück, die man sich wegen der markanten, löwenköpfigen Ladenfassade an der Hausnr. 24 gut merken konnte.
Auf dem dritten der kleinen Wiederholungsbilder ist die z.T. kopsteingepflasterte Gasse zu sehen, wie sie unsere Neugier geweckt hatte, die Jüdengasse nämlich, die eine Verbindung darstellt zwischen Pölle und Breiter Strasse; sie wurde schon 1306 urkundlich erwähnt. Auf der einen Seite stehen heute sehr hohe Fachwerkhäuser, die als Speicher und Lagerräume dienen, mit früherem Ursprung in den Grundmauern, als die darüberliegenden jüngeren Etagen vermuten lassen.

Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich Hinterhofgärten, Parkplätze und Garagen, wo früher, bis zur Reformation, das Kloster der Grauen Mönche gestanden hat. Im Schatten der Klostermauer mussten ab dem 14. Jh. die Juden von Quedlinburg wohnen, daher der Name der Jüdengasse, zuvor trug die Gasse den Namen ‚Dovestrasse‘. Eine Jüdische Gemeinde hatte es bereits seit dem 11. / 12. Jh. in Quedlinburg gegeben, eine Synagoge könnte es laut Häuserverzeichnis von 1480-1550 im Bereich des Hauses Breite Strasse Nr. 44 gegeben haben, wo die Bauforschung mittelalterliche Kellerbauten entdeckt hat. So gefunden > hier.
Das Haus an der Ecke Jüdengasse / Breite Strasse ist auf dem nächsten Foto auf der rechten Seite mehr zu erahnen als wirklich zu sehen, unten mehr dazu.

Einige der ansässigen Juden wirkten als unabhängige Kreditgeber der Quedlinburger Äbtissin und anderer, was im 14. Jh. offenbar zu Konflikten mit der Stadt führte, die sie zu vertreiben suchte, woraufhin sich Äbtissin und Stadtrat auf einen zahlenmässig begrenzten Kompromiss einigten, auf „zwölf Paar“, die alle ohne eigenen Hausbesitz in besagter Gasse zu leben hatten, bis sie 1514 auf Befehl des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. Quedlinburg verlassen mussten.
Nach Auflösung des Damenstiftes 1802 und infolge des antiklerikalen Rationalisierungsprozesses der französischen Revolution und der nachfolgenden napoleonischen Zeit siedelten sich wieder Juden in Quedlinburg an, es gab eine Gemeinde, auch wenn Gemeindehaus und Friedhof wiederholt wechseln mussten.

Nach den Jahren des Nationalsozialismus gibt es keine jüdische Gemeinde mehr, aber der letzte jüdische Friedhof wurde erst 1975/76 geräumt. Auch in der Jüdengasse selbst erinnert nichts als der Name an deren Geschichte.
Zwischen den hohen, wahrscheinlich im 19. Jh. aufgerichteten Fachwerkwänden lassen sich Fragmente von Gebäuden früherer Jahrhunderte entdecken, die einfach umbaut worden sind, als hätte es ein Tor oder Ähnliches gegeben, oder Gebäude aus Stein, deren Reste zu massiv waren, um sie zu entfernen. Auf dem zweiten der beiden Bilder hierüber ist links in der Wand etwas Derartiges zu sehen. Einige dieser in die hohen Wände eingemauerten Reste sollen gotischen Ursprungs sein. Sich darüber seine Vorstellungen zu machen, ist zumindest spannend, auch wenn es offenbar keine weitere Auflösung gibt.

Mit dem zwischen Blatt- oder Federformen eingemeisselten Relief einer Art Hausnummer(4?), unter der in ein Herz eingefügtes Monogramm D / L zu sehen ist, verhält es sich einfacher. Dieses schmückende Stück Sandstein krönt einen in der Mauer eingefügten, aber wieder mit zugemauerten Bogen in der Seitenwand des oben bereits erwähnten Hauses Breite Strasse Nr. 44, von dem einige Teile des Erdgeschosses von 1710 sein sollen, was zum Stil des Emblems passt. Auf dem letzten Bild im Hochformat lässt sich am Ende der Gasse oberhalb einer grünen Hausecke die kleine Spitze des südlichen Turms der Marktkirche St. Benediktii erraten. Sie und die der Breiten Strasse zugewandte, im historistischen Stil dekorierte Fassade des besagten Hauses war schon einmmal in einem der ersten Artikel > hier im Blog zu sehen:

Es war immer noch heiss an diesem frühen Nachmittag, und wir beschlossen deshalb, erstmal nach links abzubiegen, um im Café ‚Zum Roland‘ auf der anderen Seite des grün und grün gestrichenen Fachwerkhauses ein Stück Kuchen zu probieren und noch ein bisschen Zeit im Schatten zu vertrödeln.

6 Gedanken zu “Durch die Jüdengasse

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